Unbekanntes Terrain

Wer wie ich an der Universität Vorlesungen über Europapolitik besucht, stößt unweigerlich auf diese Frage: Sollte die Türkei der Europäischen Union beitreten dürfen? Kein anderes Thema scheint sich so gut dafür zu eignen, das ganze Sammelsurium an Vorurteilen über die türkische Kultur auszubreiten. Dieses hinterwäldlerische Land in der EU? Die europäischen Hauptstädte überschwemmt von türkischen Kopftuchmädchen? Der Islam als neue Europareligion?

Ich komme ursprünglich von einer norddeutschen Insel. Dort aufgewachsen, habe ich früher die Integrationsdebatten um die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland kaum verfolgt. Wieso auch? Die wenigen Kinder türkischer Eltern auf der Insel sprachen genauso gut Deutsch wie ich, trugen kein Kopftuch, nahmen am Schulsport teil. Kurz, sie waren so wie alle anderen Kinder und Jugendliche auch. Die 'Problemfälle', das waren bei uns eher die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Erst durch die Türkei-Debatte im Studium begann ich mich mit der türkischen Kultur auseinanderzusetzen. Ich las über das Osmanische Reich, über Atatürk und was danach kam. Ich lernte, dass die Türkei bestimmt nicht perfekt ist – aber dass sie eines der wenigen laizistischen Länder Europas ist, also dass Religion und Staat strikt getrennt sind. So viel zu der Flut der kopftuchtragenden Staatsbediensteten.

Ich glaube, das größte Problem eines EU-Beitritts der Türkei wäre nicht die politische Kultur des Landes. Die osteuropäischen Staaten wie Ungarn, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der EU beitraten, hatten eine viel schwächer verankerte Tradition von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie als die Türkei. Dank einer reellen Beitrittsperspektive haben sie trotzdem die nötigen Reformen umsetzen können. Das könnte die Türkei auch. Aber wenn nicht die politische Kultur und Tradition, was ist dann das wirkliche Problem?

Die Antwort ist denkbar einfach: Machtverhältnisse. Die Türkei ist ein großes Land, flächenmäßig und demographisch gesehen. Ein Beitritt dieses Landes würde alle Stimmenverhältnisse in den europäischen Institutionen auf den Kopf stellen. Die Frage, ob die EU das aushalten würde, ist berechtigt. Dennoch: Die europäischen Politeliten sollten die Beitrittsdebatte mit politischen Argumenten und nicht mit Kulturpolemik führen. Sie tun es aber nicht. Dass die Türkei ihrerseits langsam das Interesse an einem Beitritt verliert, ist da nur verständlich.

Mein Studium hat mich dazu gebracht, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich wollte ein eigenes Urteil fällen können. Je mehr ich über die türkische Kultur las, desto mehr faszinierte sie mich. Seit einem halben Jahr lerne ich mittlerweile Türkisch, lese viel, interessiere mich. Ich habe noch viel zu entdecken.

 

Sonje Schwennsen

Freie Journalistin
(Stipendiatin der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung)

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