Klischee des Almancı

 

Ali Levent Üngörs Film 'Blüte der Jahreszeit' wirft einen voyeuristischen Blick auf das Thema der häuslichen Gewalt an Frauen, verzettelt sich kläglich in Nebenschauplätzen und scheitert letztlich.

42 Prozent der Türkinnen in der Türkei sind Opfer häuslicher Gewalt. Tritte, Schläge ins Gesicht, Misshandlungen mit Zigaretten, Würgen, Messerangriffe und Bedrohung mit Schusswaffen: das sind die häufigsten Übergriffe. Dieses schreckliche Ergebnis ergab eine Untersuchung der türkischen Regierung 2009. Das Problem der Gewalt gegenüber Frauen ist aber auch eine globale Angelegenheit; z. B. zeigen Studien, dass in Deutschland 20 Prozent in Paarbeziehungen lebende Frauen innerhalb einer Partnerschaft körperliche und oder sexuelle Gewalt erlitten haben. Das Engagement der türkischen Familienministerin Fatma Şahin, die seit längerem an einem Gesetz zur Vorbeugung von Gewalt gegen Frauen arbeitet, lässt erkennen, wie aktuell das Thema in der Türkei ist.

Die Tabuisierung häuslicher Gewalt in der Öffentlichkeit ist ein Teil des Problems. Obwohl das Kino eine hervorragende Plattform für Bewusstseinsbildung, Sensibilisierung und die Offenlegung von Wunden einer Gesellschaft ist, existiert nur eine minimale Präsenz von Filmen, die dieses Thema kritisch und differenziert angehen. Vor diesem Hintergrund kommt nun ein türkischer Film auf die Kinoleinwand, der dieses tabuisierte und sensible Thema aufgreift.

Die Rolle der Frau in der Gesellscahft

Schon in der ersten Szene des Films erkennt man, dass sich der Regisseur und Drehbuchautor Ali Levent Üngör erst gar nicht die Frage gestellt hat, wie man dieses delikate Sujet im Kino darstellt, ohne kitschig, klischeehaft und rührselig zu werden. Schlimmer noch: der Filmemacher verharmlost das Problem, indem er die Gewalt an Frauen als Einzelschicksale darstellt und das Leid der Betroffenen sensationsgierig und mit einem voyeuristischen Blick inszeniert.

Wir sehen den betrunkenen Ehemann Nazmi (Ertuğrul Karakaya), der ohne ersichtlichen Grund seine Frau Çiçek (Feriha Ecem Çalik) übel beleidigt und brutal misshandelt. Nach einem ersten Akt der häuslichen Gewalt, sieht der Zuschauer wie sich Nazmi im Unterhemd beim Trinken aus der Flasche besudelt und nachdem er feststellt, dass seine Frau drei Gerichte für ihn gekocht hat, was er als Verschwendung auffasst, verprügelt er Çiçek noch brutaler mit dem obligatorischen Gürtel vor den Augen ihrer gemeinsamen kleinen Tochter Mevsim (Sude Yeşil).

Hier erkennt man schon die Scheinheiligkeit des Films: er kommt als emanzipationistisch daher, vermittelt aber im Kern ein traditionelles, konservatives Rollenbild der Frau. Frauen sind 'anständig' wenn sie duldsam und enthaltsam sind sowie ihren häuslichen Pflichten nachkommen. Çiçek kommt nach der Prügelattacke in ein Frauenhaus. Dort freundet sie sich mit türkischen Frauen an, die ihr Schicksal teilen. Zudem deutet sich eine zarte Liebesgeschichte mit einem hilfsbereiten türkischen Taxifahrer (Onur Şan) an. In einer der wenigen heiteren Szenen im Film, sitzen die geschiedenen Frauen aus dem Frauenhaus an einem Tisch mit dem Taxifahrer und seinem älteren Freund (Turgay Tanülkü). Bei diesem Essen verkünden die Frauen, dass sie ausnahmsweise mal ausgehen möchten und wie es für 'anständige' Frauen in der patriarchalischen Werteordnung gehört, holen sich die alleinstehenden Frauen die Erlaubnis des ältesten Mannes ein, der in diesem Fall der Freund des Taxifahrers ist. Çiçek und die anderen Frauen sind trotz ihrer Trennungen von einem selbstbestimmten Leben weit entfernt. Und dieser Tanzabend der Frauen ist dann auch der Grund, dass die Tragödie ihren Lauf nimmt. Das Tanzlokal steht zufällig unter der Obhut des Gangsterbosses Adnan (Mehmet Özgür Köksel), der auch gleichzeitig der Boss von Nazmi ist. So wie der Zufall es will, trifft Nazmi seine Exfrau und es kommt zum Eklat. Nazmi beschimpft sie als Hure und schlägt sie.

Die nächste große Schwäche des Films ist das Erzählkonzept

Zum einen sind die Charaktere im Film durchweg Stereotypen. Der Antagonist Nazmi ist ein eindimensionaler Bösewicht wie im Märchen. Er wird als ein monströses Individuum dargestellt, der nicht aus der ihn einheitlich verurteilenden Gesellschaft entspringt. Die Frauen im Film sind entweder schutzbedürftige Opfer oder Prostituierte und zudem ist Çiçek-Darstellerin Feriha Ecem Çalik sichtlich mit der anspruchsvollen Hauptrolle überfordert. Der einzige Charakter im Film, der eine Transformation durchlebt ist der autoritäre Gangsterboss Adnan. Diese Wandlung ist völlig unglaubwürdig und entwickelt sich auch nicht aus einer konkludenten Filmhandlung, sondern wird durch das Eingreifen des Deus ex machina in Form von Teberdar (Kurzauftritt von Yavuz Bingöl) bewirkt. Yavuz Bingöl tritt als autoritäre Moralinstanz auf und schließt den Kreis des funktionierenden Systems des Patriarchats. Alle anderen Rollen sind entweder naive Gutmenschen oder Kriminelle.

Zum anderen folgt das narrative Konzept des Drehbuchs einer banalen melodramatischen Handlungsstruktur: Der Bösewicht versetzt die Guten in einen Zustand der Ohnmacht, Helferinnen und Helfer der Protagonistin stehen ihr zur Seite, doch das Böse bleibt ständig bedrohlich. Schließlich hilft das Schicksal den Bösewicht zu Fall zu bringen und setzt die moralische Ordnung wieder her. Filmsprachlich kommt der Film kaum über das Niveau einer türkischen Telenovela hinaus; ohne einen Funken Kreativität sieht man ständig Schuss und Gegenschuss, es gibt kaum ästhetische Bilder, die ständige dramatische Musik nervt schon nach kurzer Zeit und der Schnitt ist trivial. Die Geschichte verzettelt sich in den Nebenhandlungen, was vielleicht in einer Fernsehserie, die auf mehrere Monate ausgelegt ist, funktioniert, langweilt aber im Kino.

Das klischeehafte Bild der Almanci in der Türkei

Zum Schluss stellt sich auch die Frage: Warum der Autor und Regisseur die Handlung seines Spielfilmdebüts nach Deutschland verlegt? Ist die türkische Gesellschaft noch nicht bereit, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen? Sind es die erhofften Euro-Einnahmen aus Deutschland? Auf jeden Fall wird mal wieder ein negatives Bild der Türken in Deutschland vermittelt. Die türkischen Einwanderer in Deutschland haben es nach 50 Jahren Migration zu schlagenden Ehemännern, Kriminellen, Türstehern und Taxifahrer gebracht. Der Zeitvertreib der männlichen Migranten besteht aus Moschee, Spielhölle oder Prostituierten. Thilo Sarrazin würde seine Freude an diesen oberflächlich zur Schau gestellten Vorurteilen haben.

Mevsim Çiçek Açtı reiht sich in die Riege von bedeutungslosen Fernseh-Kitschdramen ein. Die Vorbilder des Films finden sich in den rührseligen TV-Serien und kitschigen Yeşilçam-Melodramen. Wobei die türkischen Serien wenigstens mit prunkvoller Ausstattung imponieren und die Yeşilçam-Filme durch ihre sympathische Naivität einen eigenen Charme besitzen.

 

Attila Civelek

info(at)buket-medien.de

 

 

Blüte der Jahreszeit

Türkei 2012 – Originaltitel: Mevsim Çiçek Açtı - Regie und Drehbuch: Ali Levent Üngör – Darsteller: Turgay Tanülkü, Deniz Oral, Mehtap Bayri, Onur San, Feriha Ecem Çalik, Ertugrul Karakaya, Yavuz Bingöl FSK: ab 0 – Länge: 115 Min.

 

 

 

 

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